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Theoretischer Hintergrund von Inflationsprozessen

Ursachen der Inflation

Problem der Definition

In seiner verbreitetsten Bedeutung steht das Phänomen Inflation für einen anhaltenden Anstieg des Preisniveaus oder anders gesagt einem Absinken der Kaufkraft des Geldes. Die Steigerung des Preisniveaus umfasst immer Preiszuwächse bei einem zumeist gewichteten Durchschnittspreis der wichtigsten Güter. Bei jeder Inflation der Geschichte gab es niemals nur eine Ursache. Jedes Mal überlagerten sich einzelne Faktoren, die sich in Summe gegenseitig verstärkten.

Ältere wirtschaftswissenschaftliche Erklärungsansätze für Preissteigerungen

Bereits während der deutschen Inflation gab es in den Wirtschaftswissenschaften zwei Lager, die dieses Phänomen unterschiedlich zu erklären versuchten. Auf der einen Seite vertraten Gustav Cassel, Alfred Lansburgh, Walter Eucken und Ludwig Albert Hahn die Auffassung der Inflations- bzw. Quantitätstheorie. Auf der anderen Seite waren Julius Moritz und Karl Helfferich Anhänger der Zahlungsbilanztheorie. Quantitätstheoretiker sahen einen direkten Zusammenhang zwischen der Vermehrung der Geldmenge, einem dadurch verursachten Preisniveauanstieg und einer Abwertung im Vergleich zu ausländischen Währungen. Der Ausgangspunkt lag also in einer Vermehrung der Geldmenge. Dieses lässt sich über die sogenannte Verkehrsgleichung von Irving Fisher herleiten. Diese lautet:

(G = Geldmenge; k = Kassenhaltungskoeffizient; U = Umlaufgeschwindigkeit; Yr = reales Sozialprodukt; P = Preisniveau)

Auf der linken Seite der Gleichung steht die gesamte monetäre Nachfrage, auf der rechten Seite das gesamte Güterangebot bewertet zu jeweiligen Preisen. Ottmar Issing definiert die Inflation als Ausdruck und zwangsläufige Folge eines Anstiegs der Geldmenge pro Produktionseinheit. Ein Anstieg der Geldmenge bei konstantem Kassenhaltungskoeffizient und konstanten realen Sozialprodukt lässt sich dann über die daraus in Wachstumsraten abgeleitete Gleichung begründen:

Für eine reine Preisinflation ergibt sich dann:

Für eine reine Kassenhaltungsinflation (Kassenhaltung nimmt ab; Umlaufgeschwindigkeit der Geldmenge nimmt zu.) ergibt sich dann:

Dagegen votierten Zahlungsbilanztheoretiker für eine negative Zahlungsbilanz als Ursache der Inflation. Die Zahlungsbilanz lässt sich in die Leistungsbilanz, Kapitalbilanz und Devisenbilanz unterteilen. Unter die Leistungsbilanz fällt die Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz und die Übertragungsbilanz. Eine passive Zahlungsbilanz ergibt sich in den meisten Fällen durch einen Überhang an Importen im Vergleich zu den Exporten pro Zeiteinheit. Um die notwendigen Importprodukte zahlen zu können, muss der Importeur inländische Währungseinheiten in ausländische Währungseinheiten umtauschen. Die Nachfrage nach Devisen steigt an, wodurch die ausländische Währung gegenüber der inländischen Währung aufwertet. Die Kaufkraft der Binnenwährung nimmt somit ab. Im Falle der deutschen Inflation sahen diese Anhänger die zu leistenden Reparationszahlungen (in Goldmark bzw. Dollar zu zahlen) und den Importbedarf als Ursache für die passive Zahlungsbilanz an, wodurch der Kurs der Mark sank, das allgemeine Preisniveau über steigende Importpreise zunahm und der Geldbedarf des Staates sowie der Privatwirtschaft ebenfalls anstieg. Im Gegensatz zur Zahlungsbilanztheorie berücksichtigte die Quantitätstheorie aber die Geldschöpfung als Ursache der Inflation und begründete die Inflation nicht mit „äußeren” Einflüssen.

Nachfrageinflation

Käuferverhalten als Preistreiber

Liegt die Nachfrage über der bei Vollbeschäftigung erbrachten Menge an Gütern und Dienstleistungen, kann es zu Preisniveausteigerungen kommen. Geht der erste Impuls von Preiszuwächsen von der Nachfrageseite aus, handelt er sich um eine Nachfrageinflation. Hierbei wird natürlich immer vorausgesetzt, dass die Unternehmen ihre Produktionsmengen nicht kurzfristig auf andere Weise steigern können. Die Preise als Knappheitsmesser zwischen Nachfrage und Angebot steigen, da nicht alle Interessenten ihre Bedürfnisse adäquat decken können.

Importierte Inflation

Es ist weiterhin von Interesse aus welcher Richtung die steigende Nachfrage stammt. Neben den privaten Haushalten, den inländischen Unternehmen, dem Staat kann eine Nachfrageinflation ihren Ursprung auch in ansteigenden Kaufgesuchen aus dem Ausland kommen. In diesem Fall spricht man von einer importierten Inflation, da zusätzliche Anfragen nach Gütern aus anderen Ländern die Preis im Inland anwachsen lassen. Es ist klar, dass inflationäre Tendenzen in ausländischen Staaten auf diese Weise leicht auf Nachbarstaaten überspringen können.

Bedingungen für die Weiterführung der Inflation

Es lässt sich einwenden, dass die Inflationsphase relativ schnell endet, wenn die Käufer die gestiegenen Preis aufgrund ihres stagnierenden Einkommens nicht mehr zahlen können. In diesem Szenario würde die Nachfrage abebben und die Inflation schnell wieder beenden. Für eine Weiterführung der Inflation ist also eine mit der Preissteigerung mithaltende Einkommenssteigerung auf der Nachfrageseite Grundvoraussetzung. Außerdem müssen die Verbraucher auch die jeweiligen Lohnzuwächse für Käufe einsetzen. Besonders wenn den Arbeitnehmern in Zukunft weitere Lohnerhöhungen in Aussicht gestellt werden, wird Einkommen direkt in Nachfrage nach Gütern umgesetzt.

Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, kann der Inflationsprozess schnell unterbrochen werden. Zum Beispiel gibt es in jeder Volkswirtschaft Marktteilnehmer, deren Einkommen nicht mit der Inflation Schritt halten kann. Beispielsweise halten Rentenzahlungen meistens mit der Geldentwertung kaum Schritt. Diese Bevölkerungsgruppe wird daher von der Inflation häufig als erstes und am stärksten getroffen. Bezogen auf die demographische Struktur in der Bundesrepublik braucht man sich also keine Sorgen machen, dass von den Rentnern inflationäre Entwicklungen ausgehen bzw. weiter aufrecht erhalten werden. Auch wenn sich der Staat mit seinen Ausgaben zurückhält und weniger Investitionen tätigt, kann der Inflationsprozess unterbrochen werden. Schränken die ausländische Importeure ihre Güternachfrage ein, bremst dies ebenfalls die Preissteigerung.

Angebotsinflation

Unternehmenskosten als Ausgangspunkt für Preissteigerungen

Das allgemeine Preisniveau kann ihren Ursprung ebenfalls auf der Anbieterseite von Gütern (Angebotsinflation) haben. Unter Umständen sind die produzierenden Unternehmen gezwungen höhere Verkaufspreise am Markt anzubieten um kostendeckend zu arbeiten. Man spricht in diesem Sinne von einer Kostendruckinflation, da die Kosten Druck auf die Preise ausüben. Wichtige Kostentreiber in Unternehmen sind die Personalkosten. Nehmen diese schneller zu als die Produktivitätssteigerungen, spricht man von einer Lohndruckinflation. Die Preissteigerungen nehmen in diesem Fall schneller zu als die auf dem Markt zu Verfügung stehende Gütermenge. Zwar können die Arbeitnehmer aufgrund ihres Einkommenszuwachses eine identische Warenmenge einkaufen, doch ist das Preisniveau angestiegen. Fordern die Gewerkschaften dann mehr Geld, kommt es zu weiteren Lohnerhöhungen. Diese setzen eine Lohn-Preis-Spirale in Gang, die die Inflation weiter fortführt. Auch im Rahmen der Angebotsinflation kann es zu einer importierten Inflation kommen. Steigen die Preise für wichtige Rohstoffe wie Erdöl, Stahl, Aluminium etc., erhöhen sich für die Unternehmen die Herstellkosten und müssen die Preise für ihre Produkte und Diensteistungen ebenfalls erhöhen.

Neben der genannten Lohndruckinflation tritt unter Umständen auch eine Gewinndruckinflation auf. Diese wird in Gang gesetzt, wenn die Anbieter von Gütern ihre Profite erhöhen wollen und höhere Gewinnaufschläge erheben. In diesem Sinne kann eine Preis-Lohn-Spirale entfacht werden. Durch die steigenden Preise fordern die Arbeiter und Angestellten höhere Löhne und Gehälter, die die Unternehmen zur Aufrechterhaltung ihrer Gewinne wiederum zu Preisanhebungen zwingen.

Umlaufgeschwindigkeit des Geldes entscheidend

Zusätzlich zu den bisher behandelten Erläuterungen zu Kreisläufen möglicher Inflationsprozesse spielt die Umlaufgeschwindigkeit eine weitere wichtige Rolle. Die Bedeutung der Umlaufgeschwindigkeit soll am folgenden Beispiel erläutert werden:

Besitzt eine Person 100 Euro auf dem Girokonto und spart diese, so liegt die Umlaufgeschwindigkeit dieser 100 Euro bei 0. die vorhandene Geldmenge wird also nicht dazu genutzt Güter nachzufragen und hat auch keinen Einfluss auf die Preise. Nimmt man an, dass die 100 Euro durch 4 Personen hintereinander zum Kauf von Waren eingesetzt wird, entfalten diese ursprüngliche gesparte Geldmenge eine Nachfrage von 400 Euro. Eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit ist gleichbedeutend mit einer Zunahme der Geldmenge. Eine Minderung wirkt wie eine Abnahme der Geldmenge.

Kriegsfinanzierung und Inflation

Ein aus der Geschichte bekanntes Phänomen ist das häufige Auftreten von Inflationen in Ländern, die sich im Krieg befinden oder gerade einen Krieg beendet haben. In Friedenszeiten steuert der Staat im Normalfall relativ wenig zum Bruttoinlandsprodukt bei. Daher ist dieser gezwungen Steuern zu erheben, um seine Bedürfnisse finanzieren zu können. Während eines Krieges erhöht sich die Nachfrage des Staates nach Rüstungsgütern erheblich. Da Kriegsgerät wie Panzer, Artillerie, Flugzeuge, Lkw, Munition usw. im Einsatz verbraucht wird, herrscht eine stetige Nachfrage nach diesen Gütern. Da diese zusätzlichen Ausgaben nicht adäquat über Steuern finanziert werden können, muss der Staat zunehmend Kredite aufnehmen. Dies führt unweigerlich zu einer Ausweitung der Geldmenge. Gleichzeitig verringert sich durch die Umstellung auf Rüstungsgütern die Produktion von zivilen Waren. Es entsteht also eine zunehmede Lücke zwischen Geld- und Warenmenge. Die nachgefragten Güter können nicht mehr bereitgestellt werden und lassen die Preise ansteigen. Beispiele für diese typischen Nachkriegsinflationen sind die große Inflation in Deutschland von 1914 bis 1923 oder die Inflationsphase von 1945 bis 1948. Aber auch Konflikte wie die Kriege in Afghanistan und dem Irak ließen beispielsweise die Inflationsrate in den USA kurzfristig ansteigen.

→ Erhöhung der Geldmenge durch die Europäische Zentralbank