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Wirtschaftliche und soziale Folgen der Inflation

Gewinner der Geldentwertung

Rückgang der Arbeitslosigkeit in der Anfangszeit der Weimarer Republik

Zwar verbinden die meisten Menschen mit dem Phänomen der Inflation in erster Linie negative Erfahrungen und Folgen, aber im Hinblick auf die Arbeitslosenzahlen lassen sich zumindest in den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg für Deutschland positive Wirkungen festmachen. Nachdem die Erwerbslosenzahlen Anfang 1919 ihren Höhepunkt mit 6,6 Millionen erreicht hatten, nahm der Beschäftigungsgrad stetig zu. Die Millionen von heimkehrenden Soldaten konnten durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zügig in den Arbeitsprozess integriert werden. Als Indiz dafür lässt sich Entwicklung der vergebenen Arbeitslosenunterstützungen zwischen 1919 und 1920 anführen. Diese Zahl verringerte sich von 620.000 auf 370.296 im März 1920. Außerdem steigerten die Unternehmen ihre Investitionen in die Produktionsfaktoren Arbeitskräfte, Betriebsmittel (Maschinen, Büroausstattungen, Grundstücke und Gebäude usw.) und Werkstoffe (Rohstoffe, Hilfs- und Betriebsstoffe). Dadurch gelang es die industrielle Produktion 1922 bereits auf 80 % des Standes von 1913 zu steigern. Diese hatte sich zwischenzeitlich auf einen Tiefstand von 37 % verringert. Der deutsche Arbeitsmarkt trotzte somit erfolgreich der Weltwirtschaftskrise von 1920/1921, wie sich an den Arbeitslosenzahlen ausgewählter Länder zeigt.

Land192119221923
Deutsches Reich0,6 %0,4 %1,2 %
Großbritannien4,1 %4,1 %3,4 %
USA4,7 %3,8 %1,6 %
Schweiz1,5 %1,7 %0,8 %

In Anlehnung an: Blaich, Fritz: Der schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 1985, S. 51. Die Arbeitslosenquoten beziehen sich auf die Einwohnerzahl des jeweiligen Landes.

Vor dem Eintreten in die Hyperinflationsphase beeinflusste das Tempo der Geldentwertung die Nachfrage nach Arbeitskräften. Je schneller die Preise für Güter anstiegen, desto stärker verringerte sich die Anzahl der Erwerbslosen auf dem Gebiet der Weimarer Republik. Während der zwischenzeitlichen Stabilisierungsphase der Preise im ersten Halbjahr 1920 nahm der Anteil der in Gewerkschaften vertretenen arbeitslosen Arbeitnehmer von 1,9 % auf 6 % zu. Nach dem Eintreten neuer inflationärer Schübe ließen diesen Anteil aber bis Juli 1922 wieder auf 0,6 % sinken.

Dieser Zusammenhang zwischen Preissteigerungen und abnehmenden Arbeitslosenzahlen wird in der Wirtschaftswissenschaft unter dem Stichwort Phillips-Kurve diskutiert, ist aber in dieser einfachen Form gegenwärtig nicht mehr haltbar. Diese positiven Effekte machten sich erst in der Hyperinflation nicht mehr bemerkbar. Da ab 1923 viele Lohn- und Gehaltszahlungen mit Hilfe von Sicherungsklauseln gegenüber der Geldentwertung abgesichert wurden, kamen die inflationären Impulse auf die Investitionstätigkeit der Unternehmen zum Erliegen. Weiterhin konnten die Exporteure gegenüber ihren internationalen Konkurrenten keine Vorteile mehr bei den Lohnkosten verzeichnen, so dass sich das Investitionsklima zusätzlich verschlechterte. Parallel legte die im Januar 1923 beginnende Ruhrbesetzung und der darauf folgende passive Widerstand die Produktion des wichtigsten Industriegebietes lahm. Der Produktionsausstoß verringerte sich auf ein Drittel des Standes vom Vorjahr und die Arbeitslosenquote schnellte auf 23,4 % im November 1923 hoch. Im November 1922 lag diese Quote noch bei niedrigen 2,0 %. Die Arbeitnehmer kamen also bis Anfang 1923 in den Genuß eines sicheren Arbeitsplatzes.

Schuldner als Profiteure der Inflation

Auf der Gewinnerseite der Inflation standen ebenfalls die große Bandbreite der Schuldner. Diese konnten sich durch die Entwertung der auf Mark laufenden Darlehen günstig ihrer Verbindlichkeiten entledigen. In erster Linie zählte dazu der Staat, dessen Kriegsschulden von 154 Milliarden Mark entsprachen am 15. November 1923 einer Kaufkraft von 15,4 Pfennigen im Bezug zum Jahr 1913. Zwar wurden die ausgegebenen Kriegsanleihen 1925 aufgewertet, doch entsprach dies nur 4,8 Milliarden Reichsmark. Neben dem Staat waren viele Länder und Kommunen so gut wie schuldenfrei geworden. Auf privater Seite konnten sich beispielsweise die Landwirte von ihren Hypothekenschulden befreien. Diese betrug vor dem Krieg schätzungsweise 16 Milliarden Mark. Zwar wurden alte Grundschulden 1923 auf 25 % des ursprünglichen Wertes aufgewertet, was Gesamtschuld von 4 Milliarden Mark entsprach, doch verringerte sich so die Schuld um sagenhafte 75 % des ursprünglichen Wertes. Private Immobilieneigentümer konnten sich ebenfalls weitestgehend ihrer Schulden entledigen.

Effekte der Inflation auf den Umbau der Wirtschaft

Neben positiven Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt stützte die Inflation den Umbau von der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft und stimulierte den schnellen Wiederaufbau. Insbesondere die durch den Versailler Vertrag stark dezimierte deutsche Handelsflotte und die Deutsche Reichsbahn profitierte von den umfangreichen Investitionstätigkeiten. So betrug die Gesamttonnage der Handelsflotte 1924 bereits wieder schätzungsweise 2,9 Millionen Bruttoregistertonnen. Durch die Reparationsabgaben schrumpfte die Gesamttonnage von 5,13 Millionen Bruttoregistertonnen vor dem Krieg auf 0,4 Millionen. Der Bestand an Lokomotiven und Waggons hatte sich sogar im Vergleich zum letzten Friedensjahr 1913 sogar vergrößert.

Verlierer der Geldentwertung

Veränderung der Reallöhne zwischen 1918 und 1923

Es stellt sich natürlich die Frage, ob die während des Zeitraumes von 1918 bis 1923 erfolgten Lohnerhöhungen in gleichem Maße mit der Preisentwicklung Schritt halten konnten. Aufschluss über die Entwicklung der durchschnittlichen realen Wochenlöhne gibt die nachfolgende Tabelle:

Jahr Reichsbetriebsarbeiter gelernt Reichsbetriebsarbeiter ungelernt Buchdrucker Kumpel im Ruhrbergbau
1913 100,0 100,0 100,0 100,0
1918 83,3 99,8 54,1 63,7
1919 92,2 119,8 72,3 82,4
1920 66,7 89,1 60,8 77,6
1921 74,5 100,0 68,9 89,1
1922 64,2 87,2 60,9 69,9
1923 50,9 69,1 54,2 70,1

In Anlehnung an: Blaich, Fritz: Der schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 1985, S. 57. Vergleiche auch:www.gesis.org. Als Basisjahr des Index dient 1913 mit 100,0.

Es wird deutlich, dass die realen Wochenlöhne der gelernten Arbeitnehmer in den Jahren nach dem Ende des Krieges niedriger lagen als davor. Dabei richten sich die Indexzahlen der realen Wochenlöhne nach den Durchschnittswerten pro Jahr der Tarifverträge. Die realen Wochenlöhne geben das Verhältnis aus den wöchentlich in Mark lautenden Löhne geteilt durch das jeweilige Preisniveau an. Anders ausgedrückt zeigen die realen Wochenlöhne auf, wieviele Güter sich die Arbeitnehmer im Durchschnitt pro Woche leisten konnten. Dagegen konnten die ungelernten vom Staat beschäftigten Arbeiter 1919 und 1921 sogar höhere reale Löhne erzielen. Zwar verringerten sich die Wochenarbeitsstunden von durchschnittlich 52 bis 60 im Jahr 1913 auf nur noch 48 im Jahr 1919, doch veränderte sich dadurch keineswegs die Kaufkraft. Außerdem mussten ab 1922 viele Stunden neu hinzugewonnener Freizeit für die negativen Folgen der Inflation aufgewendet werden. Beispielsweise nahmen die Wartezeiten vor Verkaufsstellen zu. Außerdem mussten viele Arbeitnehmer zusätzlich Zeit investieren, um aufs Land zu fahren und sich per Naturaltausch mit Lebensmitteln einzudecken.

Neben den Arbeitern mussten auch die Beamten erhebliche reale Lohneinbußen hinnehmen. Im Bezug auf das Basisjahr 1913 mit dem Wert 100 lag der Jahresdurchschnitt 1923 für höhere Beamte bei 38,0, für mittlere Beamte bei 49,5 und für untere Beamte bei 69,9. Die oberen Gehaltsschichten haben also tendenziell am meisten an Kaufkraft verloren. Man darf auch nicht die völlige Entwertung der Spareinlagen vernachlässigen. Zum Beispiel verringerten sich die Spareinlagen bei den Sparkassen von 19 Milliarden Mark zur Vorkriegszeit auf nur noch 608 Millionen Mark 1925. Außerdem wurden die Arbeitnehmer steuerlich massiv benachteiligt. Die Einkommenssteuer wurde bei dieser Gruppe zeitlich unmittelbar nach der Auszahlung eingezogen. Im Gegensatz dazu konnten Landwirte und Unternehmer ihre Steuerverbindlichkeiten erst später entrichten. Durch die schnelle Entwertung der Mark war es den Selbstständigen also möglich Steuerforderungen seitens der Finanzämter mit wertloser Mark zurückzuzahlen. Diese Ungleichbehandlung machte sich auch am Anteil der Einkommenssteuer am gesamten Steueraufkommen des Reiches bemerkbar. Dieser stieg von 56 % im Haushaltsjahr 1922 auf 93 % im Jahr 1923. Insgesamt nahm aber das reale Steueraufkommen stetig ab, da die Steuererhöhungen bald nicht mehr mit der Geldentwertung Schritt halten konnte. Aufgrund der genannten Faktoren lassen sich die Arbeitnehmer eher zu den Verlierern der Inflation zählen.

Entwicklungen im Bereich der Schwerindustrie

Im Bereich der Schwerindustrie beschleunigte die Inflation den Zusammenschluss ehemals kleiner Anbieter zu Großkonzernen. Die Kohlen-, Eisen- und Stahlproduzenten entwickelten sich zu großen vertikal aufgestellten Unternehmen. Als vertikale Zusammenschlüsse versteht man die Vereinigung mehrerer Unternehmen aus vor- oder nachgelagerten Produktionsstufen. So kann beispielsweise ein Stahlproduzent Eisenerzproduzenten oder Kohlenproduzenten aufkaufen bzw. mit diesen fusionieren. Dabei stellen die Eisenerz- und Kohlenproduzenten Produkte her, die der Stahlproduzent zum Betrieb seiner Hochöfen benötigt. Es handelt sich also um vorgelagerte Produktionsstufen. Kauft der Stahlproduzent dagegen ein Maschinenbauunternehmen, handelt es sich um den Zusammenschluss mit einem Unternehmen aus einer nachgelagerten Produktionsstufe, da zur Herstellung von Maschinen bzw. Maschinenteilen eine große Menge an unterschiedlichen Stahlsorten notwendig ist. Neben diesen vertikalen Zusammenschlüssen kann es ebenfalls zu horizontalen und lateralen Vereinigungen kommen. Bei der horizontalen Form handelt es sich um die Verbindung zweier oder mehr Unternehmen der gleichen Branche (z.B. Zwei Stahlproduzenten) bzw. der gleichen Produktionsstufe zu einem gemeinsamen Unternehmen. Im Falle der lateralen Übernahme bzw. Vereinigung werden zwei oder mehr Unternehmen unterschiedlicher Branchen zu einem neuen Unternehmen verschmolzen.

Durch die risikolose Kreditaufnahme während der Inflation kauften sich große stahlerzeugende- und verarbeitende Konzerne wie Krupp, Thyssen, Mannesmann, Hoesch uva. Kohlezechen, Erzgruben und Hersteller von Hilfstoffen. Zu den Hilfsstoffen zählen beispielsweise Schmierstoffe, die zum Betrieb der Maschinen notwendig sind, aber nicht direkt in die Produktion eingehen. Andere Konzerne wie die Gutehoffnungshütte kauften sich in eine Vielzahl von Maschinenfabriken ein. Daneben gab es auch Unternehmer, allen voran Hugo Stinnes, die wahllos Firmen jeglicher Branche aufkauften und in einem einzigen Konglomerat vereinigten. Da Kredite nach wenigen Wochen günstig zurückgezahlt werden konnten, war der Aufkauf von Sachwerten lukrativer als Geld zu sparen sowie insbesondere zur Zeit der Hyperinflation sogar notwendig um Kapital zu erhalten. Neben der Kreditaufnahme profitierten die Großunternehmen auch von Notverkäufen durch Kleinaktionäre. Diese Kleinanleger waren gezwungen ihre Aktien bei steigenden Aktienkursen auf dem Markt zu werfen, um von den Erlösen ihren Lebensunterhalt zu gestalten. Da Löhne und Gehälter nicht wertstabil waren, brachten die Aktien zumindest für kurze Zeit einen hohen Gewinn. Durch diese Konzentration an Kapital und Marktmacht wurde die Konkurrenz ausgeschaltet und die Großunternehmer wurden auch im Hinblick auf die kommenden Jahre der Weimarer Republik zu einem nicht mehr zu unterschätzenden politischen Machtfaktor.

Überblick über die wichtigsten Verlierer der großen Inflation in Deutschland

Zu den Verlierern der Inflation gehörten die Banken und Sparkassen, die einen Großteil ihrer Einlagen verloren, sowie gesetzliche Sozialversicherungen, Krankenkassen, Stiftungen und private Versicherungsunternehmen. Diese besaßen einen hohen Anteil an auf Mark lautendes Kapital, das durch die Inflation ihren ursprünglichen Wert fast vollständig verlor. Als Inhaber von Einlagen und Versicherungsansprüche verzeichneten die Rentiers große Verluste.

Außerdem litten ebenfalls die Gewerkschaften unter der Inflation, da diese ihre Mitgliedsbeiträge häufig in Kriegsanleihen investiert hatten. Diese waren nach der Inflation kaum noch etwas wert.

→ Inflation in Deutschland von 1914 bis 1923